Systematisches Review von Studien. Vorgehen im Forschungsverbundprojekt „You(r) Study“

Die Methode „Systematisches Review“ ist als Forschungsinstrument durch die Medizin eingeführt und etabliert worden, um unterschiedliche Studien zu einer Frage hinsichtlich ihrer Forschungsevidenz zu prüfen. Ursprünglich in den 1970er Jahren in Großbritannien und den USA entwickelt, liegen in der Medizin heute eine Vielzahl von Systematischen Reviews vor. Die Methode wurde für die Medizin in mehreren Guidelines, Handbüchern und Checklisten ausdifferenziert (u.a. Cochrane Collaboration, Campbell Collaboration, PRISMA Checklist) und ist als Sekundärforschung anerkannt. Gerade die Veröffentlichungen von Gough et al. (2012 und 2013) und Petticrew und Roberts (2006) erweisen sich für das Forschungsprojekt You(r) Study als hilfreich. Gough und Kolleg*innen arbeiten u.a. an Reviews zur Unterstützung der Bildungspolitik. Sie sind mit in sich diversen Forschungsfeldern vertraut und deklarieren die Vielfalt von Reviews aufgrund der Heterogenität von Daten als Normalfall (Gough et al. 2012, S. 38).

In den Erziehungs- und Sozialwissenschaften wird die Methode des Systematischen Reviews nicht ohne Anpassungen verwendet. Es liegen deshalb auch Erkenntnisse dazu vor, wie man Systematische Reviews in den Sozialwissenschaften anwenden kann (z.B. Gough et al. 2012 und 2013; Petticrew 2006; Boland et al. 2017) und welche Limitationen bzgl. der Übernahme zentraler Prinzipien auf erziehungs- und sozialwissenschaftliche Forschung bestehen. Dies beginnt bereits bei der Fragestellung an: Diese müsste, folgt man der Methode für Systematische Reviews nach Cochrane, bei den begutachteten Studien nahezu deckungsgleich mit der Reviewfrage sein[1]. Bei klinischen Interventionsstudien[2], auf welche sich das Handbuch nach Cochrane bezieht, ist die Ähnlichkeit von Fragestellungen grundsätzlich möglich. Das Spektrum an Fragestellungen in erziehungs- und sozialwissenschaftlicher Forschung ist jedoch breiter als jenes in der Medizin. Deshalb beziehen sich Reviews in diesen Disziplinen eher auf ein (übergreifendes) Phänomen.

Nach Sichtung unterschiedlicher Arbeiten (vgl. oben) wurden im Forschungsverbundprojekt You(r) Study drei verschiedene Reviews verfasst. Im Projektzusammenhang dienten sie dazu, einen Überblick über die vorliegenden Forschungsarbeiten zum Medienhandeln Studierender zu erhalten. Zudem ermöglichten sie die Aufbereitung des Forschungsfelds zu Projektbeginn. Die leitenden Fragen der Reviews waren dementsprechend breit gefasst und unterschieden sich je nach Bericht. Zudem stellte sich die Literaturlage zu den Themen Digitale Lerninfrastrukturen, Mediennutzung Studierender und digitale Lehr-/Lernszenarien äußerst unterschiedlich dar. Zum Teil mangelte es z.B. an empirischen Studien im engeren Sinne.

Als zentral hat sich in allen Reviews erwiesen, welche Arbeiten als ‚Studien’ eingeordnet werden. So existieren für den vorliegenden Zusammenhang lediglich wenige empirische Befunde im engeren Sinne in Form von Befragungen oder experimentellen Untersuchungen der Lehr- und Lernforschung bzw. Sozial- und Medienpsychologie. Neben empirischen Studien (die sich am ehesten im Bereich der Mediennutzung finden lassen) werden deshalb alle Literaturarten in die Reviews aufgenommen, insbesondere konzeptionelle Arbeiten und Tagungs- und Konferenzbeiträge (vor allem im Bereich des Lehrens mit Medien), Evaluationen, Trend-Studien sowie bildungspolitische Schriften (insbesondere zu Digitalen Lerninfrastrukturen). Lediglich hinsichtlich der Mediennutzung von Studierenden war es möglich, sich auf empirische Studien zu konzentrieren (Steffens et al. 2017, S. 3), da auf zahlreiche Befunde zurückgegriffen werden konnte. Bei der Erstellung der Reviews wird zudem mit systematischen Recherchedurchläufen mit festen Suchbegriffen gearbeitet (Pensel & Hofhues 2017, 9f), um angesichts der Unterschiedlichkeit der Studien Auswahlkriterien für oder gegen bestimmte Arbeiten genau zu definieren und  zu dokumentieren (ebd., S. 61).

Zusammenfassend hat sich die Anwendung bzw. die Anlehnung an die Methode des (Systematischen) Reviews im You(r) Study-Forschungsprojekt als fruchtbar erwiesen. Allerdings stellt die Sichtung des Forschungs- und Handlungsfelds Studierende – Medien – Hochschule in Form von Reviews eine Herausforderung dar, da die seit Herbst 2017 vorliegenden Reviews lediglich einen Ausschnitt des Felds offenlegen.

 

Literatur

Boland, A., Cherry, M. G., & Dickson, R. (Eds.). (2017). Doing a systematic review: A student’s guide (2nd edition). Los Angelos, London, New Delhi, Singapore, Washington DC, Melbourne: Sage.

Gough, D., Oliver, S. & Thomas, J. (2012). Introducing systematic reviews. In D. Gough, S. Oliver & J. Thomas (Hrsg.), An Introduction to Systematic Reviews (S. 1-16). Los Angeles et al.: Sage.

Gough, D., Oliver, S. & Thomas, J. (2013). Learning from Research: Systematic Reviews for Informing Policy Decisions: A Quick Guide. A paper for the Alliance for Useful Evidence. London: Nesta.

Pensel, S. & Hofhues, S. (2017). Digitale Lerninfrastrukturen an Hochschulen. Systematisches Review zu Rahmenbedingungen für das Lehren und Lernen mit Medien an deutschen Hochschulen. Online verfügbar unter: http://your- study.info/wp-content/uploads/2018/01/Review_Pensel_ Hofhues.pdf (04.02.2018).

Petticrew, M. & Roberts, H. (2006). Systematic Reviews in the Social Sciences: A Practical Guide. Oxford: Blackwell Publishing.

Riplinger, T. & Schiefner-Rohs, M. (2017). Medieneinsatz in der Hochschullehre. Akademische Lehr-Lernkonzepte zwischen Zumutung und Zu-Mutung. Online verfügbar unter: http://your-study. info/wp-content/uplo- ads/2018/01/Review_Riplinger_Schiefner_Rohs.pdf (04.02.2018).

Steffens, Y., Schmitt, I. & Aßmann, S. (2017). Mediennutzung Studierender: Über den Umgang mit Medien in hochschulischen Kontexten. Systematisches Review nationaler und internationaler Studien zur Mediennutzung Studierender. Online verfügbar unter: http://your-study.info/wp-content/uploads/2018/01/Review_Steffens_Schmitt_Assmann.pdf (04.02.2018).

The Cochrane Collaboration. (2011). Cochrane Handbook for Systematic Review of Interventions (Version 5.1.0). Online verfügbar unter: http://handbook-5-1.cochrane.org/ (08.02.2018).

 

[1] Das Handbuch für Cochrane Reviews zeigt auf, wie eine Reviewfrage gestaltet sein muss und welche Auswahlkriterien für Studien sich aus dieser ableiten: “One of the features that distinguish a systematic review from a narrative review is the pre-specification of criteria for including and excluding studies in the review (eligibility criteria). Eligibility criteria are a combination of aspects of the clinical question plus specification of the types of studies that have addressed these questions. The participants, interventions and comparisons in the clinical question usually translate directly into eligibility criteria for the review.” (The Cochrane Collaboration 2011, Kapitel 5.1.2).

[2] In Interventionsstudien wird meist die Wirkung von Medikamenten bei Patient*innengruppen gemessen und mit Kontrollgruppen verglichen. Damit einher geht eine Beschreibung der Proband*innengruppe und des medizinischen Befundes.

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